G. Pomberger, M. Rezagholi, C. Stobbe: RCMM/RCAM - Modelle zur Bewertung und Verbesserung wiederverwendungsorientierter Software-Entwicklungsprozesse, Handbuch für Evaluation und Evaluierungsforschung in der Wirtschaftsinformatik (Handbuch für Praxis, Lehre und Forschung); Hrsg. L.J. Heinrich, I. Häntschel, Oldenbourg Verlag München/Wien, 2000.


Software ist zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden, und die Softwareindustrie ist eine aus unserem Wirtschaftsleben nicht mehr wegzudenkende Wachstumsbranche. Softwareprodukte werden immer häufiger zentrale Bestandteile komplexer Systeme, die technische oder betriebswirtschaftliche Prozesse steuern oder unterstützen. Aber auch im täglichen Leben werden wir immer stärker – meist unbemerkt – abhängig von funktionierender Software. In einzelnen Bereichen, wie z.B. in der Flugsicherung oder in der Energietechnik, kann Sicherheit und Leben vom richtigen Funktionieren der dort eingesetzten Software abhängen. Die Funktionsfähigkeit und Zuverlässigkeit von Software ist Voraussetzung für die Funktionsfähigkeit des Gesamtsystems, dessen Bestandteil sie ist.

Die rasante Entwicklung auf dem Gebiet Informationstechnik führte im Bereich der Softwareentwicklung aber zu solchen Schwierigkeiten, daß man bereits Mitte der sechziger Jahre den Begriff “Softwarekrise” geprägt hat. Das heißt zwar nicht, daß die Hardware stets fehlerfrei ist, die Praxis zeigt jedoch, daß der Grund für die Schwierigkeiten, die oft auftreten, wenn man Computersysteme einsetzt, meist in einer fehlerhaften Software zu suchen ist. Es ist leicht nachzuweisen, daß Softwareprodukte fast immer eine wesentlich niedrigere Qualität aufweisen als andere technische Produkte. Neben der Qualitätsproblematik stellt auch die oft erschreckend geringe Produktivität, die in Software-Entwicklungsprozessen erreicht wird, ein Problem aus wirtschaftlicher Sicht dar.

Die Softwaretechnik unterscheidet sich von anderen Branchen vor allem dadurch, daß der Anteil an verwendeten Halbfabrikaten und bereits vorgefertigten Komponenten bei der Produktherstellung äußerst gering ist. Das heißt, die meisten Produkte werden neu konstruiert und sind deshalb immer wieder mit den bei neuen Produkten üblichen Kinderkrankheiten und Qualitätsmängeln behaftet. Wegen des geringen Einsatzes vorgefertigter, bereits mehrfach bewährter Komponenten greift der daraus resultierende Qualitäts- und Produktivitätssteigerungseffekt nicht.

Die systematische Wiederverwendung von Software ist eine wesentliche Voraussetzung zur Steigerung der Produktivität, der Qualität und der Verkürzung der Entwicklungszeit in Software-Entwicklungsprozessen. Die wiederverwendungsorientierte Softwareentwicklung erfordert einen technologischen und organisatorischen Wandel.

Der Beitrag beschreibt ein Modell für den schrittweisen Wandel zu wiederverwendungsorientierter Softwareentwicklung. Das Modell, Reuse Capability Maturity Model (RCMM) genannt, geht von der heute in der Praxis üblichen Ad-hoc-Wiederverwendung von Software(-komponenten) aus und definiert drei Phasen zur Integration der Wiederverwendung von Komponenten in den Software-Entwicklungsprozeß:

Systematisierung der Wiederverwendung verfügbarer Software
Ausrichtung der Softwareentwicklung auf Anwendungsdomänen
Wiederverwendungsorientierte Produktentwicklung als zentrale Unternehmensstrategie

Das Modell zeigt nicht nur einen Weg zur schrittweisen Verbesserung der Wiederverwendung, sondern stellt vor allem eine Grundlage zur Identifikation und Bewertung nicht ausgeschöpfter Potentiale zur Produktivitäts- und Qualitätssteigerung in der Softwareentwicklung dar (Standortbestimmung). Neben der Modellbeschreibung enthält der Beitrag daher auch ein Vorgehensmodell zur Durchführung der Standortbestimmung, Reuse Capability Assessments Model (RCAM) genannt. Ein Erfahrungsbericht über den Einsatz der Modelle rundet den Beitrag ab.